Ein Atheist werden

Atheismus bedeutet, im weitesten Sinne, nicht an die Existenz von Göttern zu glauben. Diese Definition beinhaltet jene Menschen, die sagen, dass es keine Götter gibt, und jene, die keine Aussage zur Existenz von Göttern machen können oder wollen. Einfach gesagt: Jeder, der nicht sagt, dass er an einen oder mehrere Götter glaubt, ist dieser Definition nach ein Atheist. Anderen, genaueren Definitionen zufolge sind nur jene, die die Existenz von Göttern abstreiten, Atheisten, während alle anderen als Agnostiker oder einfach Non-Theisten beizeichnet werden. Es gibt keine Ideologie, der alle Atheisten folgen, und auch keine festgelegten Rituale oder Verhaltensweisen. Es gibt gewisse Individuen, deren religiöse oder spirituelle Überzeugungen als atheistisch bezeichnet werden könnten, auch wenn diese sich selbst nicht als Atheisten bezeichnen würden. Entgegen der Annahme vieler Menschen, besonders in sehr religiösen Ländern und Gegenden, bedeutet der Atheismus nicht gleich "Ungehorsam Gott gegenüber". Atheismus ist kein Glaube, sondern eher ein Unglaube. Atheisten wird oft auch vorgeworfen, Gott zu hassen, was nicht möglich ist, denn es ist unmöglich, etwas zu hassen, von dessen Nichtexistenz man überzeugt ist. Atheismus ist nicht direkt mit der Evolution oder der Urknalltheorie zu verbinden. Jedoch wenden sich viele Atheisten, besonders jene, die gerne auf dem Gebiet des Atheismus und der Religion forschen, an die Wissenschaft, weshalb sie sich sowohl für die Evolution als auch für Theorien bezüglich des Ursprungs des Universums interessieren. In einigen Ländern, beispielsweise den USA, und Kontinenten, wie Asien und Afrika, floriert die Religion. Auch wenn dies schwarzweiß erscheint, so neigen die Länder mit den höchsten Armuts- und Kriminalitätsraten sowie niedrigsten Bildungsstandards und Human Development-Bewertungen dazu, besonders religiös zu sein, während die atheistischsten Länder, wie zum Beispiel Norwegen und Schweden, das Gegenteil darstellen. Diese Unterschiede sind in den USA sogar von Bundesstaat zu Bundesstaat erkennbar.

Vorgehensweise

  1. Hinterfrage deine Überzeugungen. Ganz egal, an was du einmal geglaubt hast, wenn du tief in dir keinen Glauben an Gott findest, dann ist deine Transformation bereits komplett. Es gibt keinen Prozess und keine Weihe bei der Werdung eines Atheisten (außer vielleicht ein "Outing" als solcher, solltest du in einer religiösen Familie aufgewachsen sein). Wenn du ehrlich denken kannst "Ich glaube nicht an die Existenz eines Gottes", dann bist du bereits ein Atheist.
  2. Verstehe den Unterschied zwischen Glauben und Wahrheit. Mache dir Gedanken über die folgenden Beispiele:
    • Ein Fremder kommt an deine Tür und erzählt dir, dass dein Kind bei einem Verkehrsunfall vor der Schule umgekommen ist.
      • Du würdest einen Schmerzensstich verspüren, aber es handelt sich um einen Fremden. Glaubst du ihm? Kennt der Fremde dein Kind? Ist dies eine Art grausamer Witz? Glaubst du wirklich, dass dein Kind umgekommen ist? Du wirst sicher Zweifel hegen.
    • Zwei Polizisten klingeln an deiner Tür, der Dienstwagen steht in der Auffahrt. Sie erzählen dir, dass dein Kind umgekommen ist. Du musst mit ihnen gehen, um die Leiche zu identifizieren.
      • Du wirst ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach glauben, denn es sind Polizisten. Du wirst den Schmerz spüren, als wüsstest du, dass dein Kind nun tot ist. Es wird für dich wahr sein.
    • Du wirst sicherlich erkannt haben, dass der Unterschied hier in der Autorität des Überbringers besteht, nicht in der Botschaft selbst. Diese Beispiele sind auch aufgrund ihres emotionalen Inhaltes passend, denn der emotionale Inhalt hat großen Anteil daran, ob wir eine Situation als wahr erachten oder nicht.
    • Der Punkt ist, dass ganz egal, ob wir etwas aufgrund der Autorität, der Gefühle oder beidem glauben, bedeutet es nicht, dass wir wissen können, dass es wahr ist, solange wir es nicht mit eigenen Augen gesehen haben. Die höchste Autorität, die du dir vorstellen kannst, könnte die einfachste Sache sagen und du könntest ihr glauben, sie könnte es auch selbst glauben, aber das macht es noch keineswegs zur Wahrheit.
  3. Verstehe den Unterschied zwischen Glauben an die Wissenschaft und religiösem Glauben. Der Unterschied zwischen dem Glauben an eine wissenschaftliche Theorie und dem Glauben an ein religiöses Dogma läuft auf den Unterschied zwischen der wissenschaftlichen Institution und den Institutionen verschiedener Religionen hinaus. Das Konzept, das religiösen Instituten zugrunde liegt, ist jenes, dass die Natur der Realität bekannt ist. Diese Realität steht in einem Buch oder einer Schrift geschrieben. Diese Schrift wurde von einem Gott verfasst oder diktiert. Religiöse Institutionen sorgen dafür, ihre Informationen über die "bekannte" Realität zu verbreiten, da es ihrer Auffassung der Realität nach genau das ist, was sie tun müssen. Religiöse "Fakten" werden nicht geprüft und können in vielen Fällen auch gar nicht geprüft werden. Religiöse "Fakten" werden von Beweisen gestützt, die interpretierbar sind, oder werden gar nicht bewiesen. Religiöse "Fakten" werden nicht von allen Religionen geprüft, um auf einen Konsens zu kommen. Das Konzept, das wissenschaftlichen Institutionen zugrunde liegt, ist jenes, dass die Natur der Realität unbekannt ist. Die Institution der Wissenschaft sorgt sich hauptsächlich darum, die Natur der Realität zu erforschen, ohne Vermutungen anzustellen. Wissenschaftliche Theorien müssen, ihrer Definition nach, prüfbar (widerlegbar) sein. Theorien müssen veröffentlicht werden, damit andere Wissenschaftler sie prüfen und so einen Konsens erreichen können. Akzeptierte Theorien werden von Beweisen gestützt, die nicht interpretiert werden können oder von qualifizierten Wissenschaftlern immer wieder interpretiert werden. Wenn ein Beweis gefunden wird, der eine Theorie widerlegt, wird die Theorie verworfen. Man glaubt an eine wissenschaftliche Autorität, da diese ihre Autorität durch den Prozess der Prüfung erhält, und da sie ein Interesse daran hat, die Wahrheit zu finden. Man glaubt an eine religiöse Autorität, da dieser ihre Autorität von einer höher stehenden verliehen worden ist, welche wiederum ihre Autorität von einer noch höher stehenden bekommen hat. Die Religion hat kein Interesse daran, die Wahrheit zu finden, denn die "Fakten" sind bereits bekannt.
  4. Denk dran, dass du nicht die einzige Person bist, die einen Makel an ihrer Religion entdeckt hat. In der Geschichte der Menschheit haben viele Menschen ihre religiösen Überzeugungen hinterfragt und Makel gefunden. Wenn du Probleme hast, dann wirf einen ehrlichen Blick auf diese und behalte im Hinterkopf, dass du nicht dafür bestraft werden wirst, wenn du versuchst, das zu finden, woran du wirklich glaubst. Wenn deine Überzeugungen richtig sind, werden sie jeder Prüfung standhalten. Die meisten Religionen, die es je gegeben hat, sind bereits ausgestorben. Viele andere sind sehr klein geworden. Es gibt nur noch wenige Menschen, die Thor oder Quetzalcoatl verehren. Überlege dann, warum du nicht an Thor, Rah oder Zeus glaubst. Wärst du Moslem, Christ oder Jude, wenn du im Iran, in Mississippi oder in Israel aufgewachsen wärst?
  5. Denke über deine Ethik nach und verstehe, woher sie kommt. Du brauchst keinen Gott/keine Götter, um moralisch zu sein. Atheisten sind nicht unethisch. Viele Atheisten spenden Geld an die Wohlfahrt und leben ein Leben, das moralisch vergleichbar ist mit denen vieler Theisten. Atheisten haben dazu bloß in der Regel eine andere Motivation. Unabhängig von ihrer Religion verhalten sich gute Menschen gut und schlechte Menschen können schlechte Dinge tun; aber damit gute Menschen schlechte Dinge tun braucht es die Religion. -Steven Weinberg
  6. Verstehe den Unterschied zwischen Atheismus und Agnostizismus.
    • Ein Atheist glaubt nicht, dass ein Gott oder mehrere Götter existieren. Die meisten Atheisten sind davon überzeugt, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass Götter existieren. Da es keinen glaubwürdigen Beweis dafür gibt, dass Götter existieren, haben diese auch keinen Einfluss auf ihre Entscheidungen. Agnostiker glauben nicht, dass es möglich ist, die Existenz von Göttern zu beweisen.
    • Du musst nicht gegen Religion sein. Die meisten Atheisten jedoch stehen organisierter Religion und religiösen Doktrinen als Moral eher kritisch gegenüber. Es gibt jedoch auch solche, die aus persönlichen Gründen noch immer religiösen Riten beiwohnen, etwa als Abmachung mit moralischen Vertretern, aus Zugehörigkeitsgefühl mit einer Gemeinde oder nur deshalb, weil ihnen die Musik gefällt.
    • Du musst die Möglichkeit unbewiesener oder nicht zu beweisender Phänomene nicht ausschließen. Du kannst sie als möglich hinnehmen, ohne sie als wahr darzustellen oder andere von ihrer Wahrheit überzeugen zu wollen.
    • Du musst dich keinem Glaubenssatz verschreiben. Atheismus ist keine Religion. Atheisten haben sehr verschiedene Überzeugungen und Ansichten und ihre einzige Gemeinsamkeit besteht in ihrem Unglauben an Götter.
  7. Verstehe, dass du deine Kultur nicht aufgeben musst. Kultur, Tradition und Stammesloyalität sind für für viele Menschen wichtig, das beinhaltet auch Atheisten. Nur weil der Glaube an einen oder mehrere Götter fehlt, bedeutet dies nicht, dass du dich von der mit dieser Religion verbundenen Kultur trennen musst. Ein Beispiel: So ziemlich jede Kultur der nördlichen Hemisphäre feiert die Wintersonnenwende, die Christen zum Beispiel feiern Weihnachten. Eine mögliche Erklärung dafür besteht in dem Mangel an Feldarbeit, die zu dieser Zeit verrichtet werden muss, und am Überfluss an Nahrungsvorräten, der aufgrund der bevorstehenden Wintermonate in den Speichern herrscht. Solche Feierlichkeiten sind für viele Atheisten aufgrund ihrer innewohnenden Werte - zum Beispiel denen des Teilens und der Geselligkeit - noch immer sehr wichtig. Einst christliche Atheisten feiern meist dennoch Weihnachten, stellen einen Weihnachtsbaum auf und machen Freunden und Familie Geschenke. Nur verzichten sie dabei auf das religiöse Drumherum. Das gilt auch für viele Atheisten, die einst anderen Glauben anhingen, oder die nie religiös gewesen sind.
  8. Lerne, die Welt durch durch die Augen der Logik zu sehen und zu verstehen, statt dich dabei auf deinen Glauben zu verlassen. Die Wissenschaftliche Methode ist allgemein als die beste Art und Weise akzeptiert, um die Welt zu verstehen.
  9. Diskutiere in diesem Kontext mit anderen Atheisten und mit religiösen Menschen über die Welt. Das hilft dir dabei, zu verstehen, warum Menschen das glauben, woran sie glauben. Das gilt auch für dich selbst.
  10. Recherchiere verschiedene Arten des Theismus. Während die meisten Atheisten behaupten, dass Theisten eine Zusicherung machen (und daher Beweise liefern müssen), ist es wichtig, deinen ehemaligen Glauben und auch andere vollständig zu begreifen. Je versierter du in anderen Religionen bist, desto mehr wirst du verstehen, warum Menschen an das glauben, woran sie eben glauben. Es wird dir auch dabei helfen, andere, die dich von ihrer Religion zu überzeugen versuchen, abzuweisen.
  11. Teile denen, die neugierig sind, deine Überzeugungen mit. Sei nicht schüchtern, aber dränge dich nicht auf. Versuche, ihnen deine Ansichten auf eine Weise zu schildern, auf der du sie für ihren Glauben nicht angreifst. Wenn dir klar ist, dass du damit Probleme auslösen wirst, dann ist es vielleicht sogar besser, deine Ansichten nicht offen mitzuteilen. In einigen Ländern und Regionen kann der Preis des Atheismus sehr hoch sein.

Tipps

  • Denk dran, es ist vollkommen in Ordnung, ein Atheist zu sein!
  • Behandle alle Menschen, auch religiöse Menschen, mit Respekt, denn das ist vernünftig. Wenn du gläubigen Menschen gegenüber respektlos wirst, wird sie das nur in ihren Vorurteilen gegenüber Atheisten/anderen Glaubensrichtungen und damit in ihrem eigenen Glauben bestärken.
  • Mache dir keine Sorgen, wenn du Werte von Religionen teilst oder lebst - man muss nicht immer "gegen" Religion sein. Solange du das Gefühl hast, ein Atheist zu sein, bist du es auch.
  • Bücher von Richard Dawkins, Daniel Dennett, Christopher Hitchens, Sam Harris, und Carl Sagan könnten für dich von großem Interesse sein. Du kannst auch Komikern wie George Carlin und Tim Minchin lauschen. Sie werden alle mit dem Atheismus in Verbindung gebracht.
  • Schaue Videos auf YouTube von Nutzern wie Thunderf00t, FFreeThinker (Ja, mit zwei 'F's) und TheThinkingAtheist. Es gibt auch noch viele andere Videos auf YouTube, die Atheismus bewerben, erklären und verteidigen. Sie könnten für dich sehr hilfreich sein.
  • Wenn du noch in der Schule bist und Religion als Schulfach hast, dann informiere dich, ob es Philosophie oder Ethik als Ersatzfach gibt. Das könnte auch anderen Schülern gefallen.

Warnungen

  • Studiere deinen Glauben. Werde nicht einfach ein Atheist, weil du es möchtest. Studiere und denke darüber nach, ob die Existenz eines Gottes wirklich vernünftig ist. Letztlich entscheidest du dich nicht dazu, ein Atheist zu werden, denn du kannst dich nicht dazu entscheiden, etwas nicht zu glauben. Entweder tust du es oder nicht. Du kannst bloß erkennen, dass du nicht glaubst.
  • Es könnte passieren, dass einige Freunde sich von dir entfernen. Diese sind dann nie wirklich deine Freunde gewesen. Wenn sie es gewesen wären, wären sie es noch immer.
  • Sei darauf vorbereitet, dass religiöse Menschen voreingenommen sein könnten. Einige Theisten könnten deinen Mangel an Glauben als provokant oder entsetzlich empfinden. Einige Atheisten sehen sich in religiösen Gesellschaften Ausgrenzung und Drohungen ausgesetzt. Es ist wichtig, über seine Überzeugungen zu sprechen, aber tue dies nur in angemessenem Kontext.
  • Gläubige könnten, manchmal unablässig, versuchen, dich zu konvertieren.
  • Wenn du aufgrund deines fehlenden Glaubens in der Schule den Religionsunterricht erlassen bekommst, könnten andere Schüler dich darum beneiden oder deswegen hassen.
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