Erkenne ob dich dein Freund missbraucht

Es ist manchmal gar nicht so einfach, zu unterscheiden, ob der geliebte Partner einfach nur einen schlechten Tag hat oder ob er in der Beziehung missbräuchliches Verhalten zeigt. In einer Studie mit amerikanischen Uni-Studenten gaben 57 Prozent aller Befragten an, dass sie nicht genau wissen, wie Missbrauch in einer Beziehung definiert wird. Missbrauch kann verschiedenste Formen annehmen und umfasst mehr als nur körperliche Gewalt. Emotionaler Missbrauch, psychischer Missbrauch und verbaler Missbrauch werden ebenfalls als Missbrauch gewertet. Missbräuchliche Menschen versuchen, ihren Partner zu kontrollieren, indem sie Drohungen, Zwang, Manipulation und andere missbräuchliche Taktiken anwenden. Eine gesunde Beziehung zeichnet sich hingegen durch gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Akzeptanz aus. Beide Partner sind dabei in der Lage, sie selbst zu sein. Egal, ob du dich als homosexuell, heterosexuell, bisexuell oder etwas anderes definierst – Missbrauch kommt in den verschiedensten Beziehungen vor. Falls du die Befürchtung hast, dass deine romantische Beziehung ungesund sein könnte oder dass dein Freund missbräuchliche Tendenzen aufweist, solltest du schleunigst weiterlesen. In diesem Artikel wirst du lernen, wie die Anzeichen von Missbrauch aussehen und was du unternehmen kannst, um gesund und glücklich zu bleiben.

Teil 1 von 4: Emotionalen und psychischen Missbrauch erkennen

  1. Achte auf kontrollierende Verhaltensweisen. Zwar könnten kontrollierende Verhaltensweisen “normal” für dich sein, allerdings handelt es sich dabei ebenfalls um Missbrauch. Vielleicht erzählt dir dein Freund, dass er nur deshalb immer genau wissen möchte, wo du bist und was du gerade tust, weil er dich so sehr liebt. Wahre Liebe basiert allerdings auf Vertrauen. Diese Situationen deuten auf kontrollierendes Verhalten hin:
    • Dein Freund verlangt, dass du dich ständig bei ihm meldest, selbst wenn es unangemessen oder umständlich ist.
    • Er möchte immer genau wissen, wo du bist und was du tust.
    • Er erlaubt dir nicht, dich mit anderen Freunde zu treffen, es sei denn, er ist auch dabei.
    • Er kontrolliert dein Handy und deine Internet- und Social Media-Nutzung.
    • Er ist unglücklich darüber, dass du mit anderen Menschen Zeit verbringst und nicht nur mit ihm.
    • Er verlangt von dir, deine SMS und andere Nachrichten lesen zu dürfen.
    • Er verlangt, dass du alle deine Passwörter offenlegst.
    • Er versucht, zu kontrollieren, was du anziehst, wohin du gehst, was du sagst etc.
  2. Denke darüber nach, wie du dich in seiner Gegenwart fühlst. Manchmal kann es ganz schön schwierig sein, die missbräuchlichen Komponenten einer Beziehung zu identifizieren. Das gilt besonders dann, wenn jene Handlungen, die landläufig als “Missbrauch” verstanden werden (in den meisten Fällen ist das körperliche Gewalt), noch nicht passiert sind. Wenn du allerdings bewusst darüber nachdenkst, wie du dich in Gegenwart deines Partners fühlst, wirst du einfacher herausfinden können, ob deine Beziehung gesund und frei von Missbrauch ist. Vielleicht hast du bei deinem Freund den unbestimmten Eindruck, dass irgendetwas “komisch” ist oder dass du ihn nur mit “Samthandschuhen anfassen darfst” und niemals wissen kannst, was ihn als nächstes zur Weißglut treiben wird. Oder du hast das Gefühl, dass er dich ständig für alle Probleme in eurer Beziehung verantwortlich macht. Erwäge die folgenden Fragen:
    • Fühlst du dich als Person akzeptiert und kannst ganz du selbst sein oder fühlst du einen konstanten Druck, dich ändern zu müssen?
    • Fühlst du dich in Gegenwart deines Freundes oft bloßgestellt oder gedemütigt?
    • Versucht dein Freund, dir für seine eigenen Gefühle und Taten Schuldgefühle einzureden?
    • Fühlst du dich unzufrieden mit dir selbst, wenn du Zeit mit deinem Freund verbringst?
    • Hast du das Gefühl, dass du deinem Freund unendliche “Liebe” entgegenbringen musst, damit er sich ändern kann?
    • Fühlst du dich ständig erschöpft und müde, nachdem du Zeit mit deinem Freund verbracht hast?
  3. Denke darüber nach, wie er mit dir spricht. Wir alle sagen hin und wieder Dinge, die wir später bereuen. Selbst in eigentlich gesunden Beziehungen laufen Gespräche nicht immer respektvoll und freundlich ab. Falls die Gespräche mit deinem Freund allerdings immer dasselbe Muster aufweisen, das von fehlendem Respekt, Herabwürdigung oder Demütigung geprägt ist, ist das ein sicheres Anzeichen dafür, dass deine Beziehung nicht gesund ist. Stelle dir selbst folgende Fragen:
    • Hast du das Gefühl, dass dich dein Freund ständig kritisiert, sogar vor anderen Leuten?
    • Beschimpft dich dein Freund oder verwendet er andere verbal missbräuchliche Ausdrücke?
    • Schreit oder brüllt er dich oft an?
    • Hast du das Gefühl, dass dich dein Freund regelmäßig niedermacht, dich zurückweist, dich ignoriert oder sich über dich lustig macht?
    • Sagt dir dein Freund häufig, dass du niemals jemand “Besseren” finden wirst oder dass du niemand anderen “verdienst”?
    • Bewirken die Aussagen deines Freundes, dass du dich schlecht fühlst?
  4. Denke darüber nach, ob du in der Beziehung Gehör findest. Manche Menschen sind geborene Anführer und “übernehmen gerne die Führung” und das ist auch in Ordnung. Wenn du allerdings das Gefühl hast, dass dein Freund deine Bedürfnisse und Ideen nicht anerkennt und respektiert oder wenn dein Freund oft Entscheidungen trifft, die auch beide betreffen, ohne diese vorher mit dir zu besprechen, ist das eindeutig ein ernstzunehmendes Problem. In einer gesunden Beziehung hören sich die beiden Partner gegenseitig zu, auch wenn sie einmal nicht einer Meinung sind und versuchen im Anschluss, einen fairen Kompromiss zu finden. Missbräuchliche Beziehungen hingegen sind meist extrem einseitig.
    • Ein Beispiel: Denke darüber nach, ob du ein Mitspracherecht bei gemeinsamen Plänen hast. Hast du den Eindruck, dass dir dein Freund aufmerksam zuhört und deine Wünsche berücksichtigt oder macht ihr für gewöhnlich jene Dinge, die dein Freund bevorzugt?
    • Findest du, dass deine Gefühle anerkannt und respektiert werden? Wenn du deinem Freund beispielsweise sagst, dass dich eine seiner Aussagen verletzt hat, sieht er seinen verbalen Fehltritt dann ein und entschuldigt dich dafür?
    • Fühlst du dich wohl dabei, deine Meinung zu äußern oder deinen Freund zur Rede zu stellen? Hast du das Gefühl, dass er andere Meinungen akzeptiert, die von seinen eigenen abweichen?
  5. Denke darüber nach, ob dein Freund Verantwortung übernimmt. Ein typischer Charakterzug von missbräuchlichen Menschen ist, dass sie oft versuchen, die Verantwortung für ihre eigenen Taten und Gefühle auf andere Menschen zu übertragen. Ein missbräuchlicher Partner wird außerdem versuchen, dir Schuldgefühle einzureden, wenn du ihm nicht alles gibst, was er möchte.
    • Diese Verhaltensweise kann sich manchmal recht schmeichelhaft anfühlen, besonders, wenn du im Vergleich zu einer anderen Person gut wegkommst. Dein Freund könnte zum Beispiel zu dir sagen: „Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe. Du bist ganz anders als die Furien, mit denen ich vor dir zusammen war“. Wenn dir allerdings bewusst wird, dass dein Freund ständig andere Menschen für seine eigenen Gefühle und Handlungen verantwortlich macht, ist das ein sehr schlechtes Zeichen.
    • Eine missbräuchliche Person beschuldigt dich möglicherweise auch für seine missbräuchlichen Handlungen. Die Aussagen: „Du machst mich so wütend, dass ich mich einfach nicht kontrollieren kann“ oder „Ich kann meine Eifersucht auf deine anderen Freunde nicht unterdrücken, weil ich dich einfach so sehr liebe“ sind beispielsweise beliebte Ausreden, um Missbrauch zu rechtfertigen. Denke immer daran, dass jeder Mensch für seine eigenen Gefühle und Handlungen verantwortlich ist. Du bist nicht verantwortlich für deinen Freund.
    • Missbräuchliche Menschen versuchen oft, ihre Wünsche durchzusetzen, indem sie ihren Opfern Schuldgefühle einreden – als ob seine Gefühle deine Schuld wären. Ein Beispiel: „Wenn du mit mir Schluss machst, bringe ich mich um“ oder „Ich werde ausrasten, wenn du dich wieder mit diesem Kerl triffst“. Aussagen dieser Art sind dir gegenüber nicht fair und schon gar kein Zeichen für eine gesunde Beziehung.

Teil 2 von 4: Sexuellen Missbrauch erkennen

  1. Denke darüber nach, ob du den Sex mit deinem Freund genießen kannst. Es ist ein weitverbreiteter Mythos, dass man seinem Partner Sex “schuldet”, sobald man in einer Beziehung ist. Allerdings ist diese Annahme völlig unrichtig. Sexuelle Aktivitäten in gesunden Beziehungen sind immer gegenseitig, einvernehmlich und für beide Partner befriedigend. Wenn du den Eindruck hast, dass deine sexuellen Wünsche von deinem Freund nicht respektiert werden, ist das ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch.
    • Manche Menschen sind der Meinung, dass es unmöglich ist, sich einer Vergewaltigung schuldig zu machen, wenn man sich in einer romantischen Beziehung mit dem Opfer befindet – allerdings ist das völlig unrichtig. Wenn man eine Beziehung mit einer anderen Person eingeht, unterwirft man sich keinem ungeschriebenen Vertrag, der festlegt, dass man zu sexuellen Aktivitäten verpflichtet ist und nicht “nein” sagen darf. Wenn dich dein Partner gegen deinen Willen zwingt, mit ihm Sex zu haben, handelt es sich um eine Vergewaltigung. Das gilt natürlich auch dann, wenn du in der Vergangenheit bereits oft mit ihm Sex hattest und es immer genossen hast.
    • Es handelt sich auch um Missbrauch, wenn der sexuelle Kontakt stattfindet, während du betrunken oder bewusstlos bist, unter Drogen stehst oder dich in einem anderen Zustand befindest, der es dir unmöglich macht, “ja” oder “nein” zu sagen.
  2. Denke darüber nach, ob du einen gewissen sexuellen Leistungsdruck verspürst. Sexueller Missbrauch beschränkt sich nicht nur auf Vergewaltigungen, sondern umfasst auch noch andere Handlungen. Dein Freund könnte dich zum Beispiel zum Sex drängen, obwohl du in diesem Moment eigentlich gar nicht willst. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Freund Druck auf dich ausübt oder dich dazu manipuliert, mit ihm zu schlafen, handelt es sich auch um Missbrauch.
    • Vielleicht sagt dein Freunde Dinge wie: „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du das für mich tun“ oder „Alle anderen Mädchen machen es auch, daher solltest du es auch tun“. Diese Aussagen sind gute Beispiele für emotionale Nötigung zu sexuellen Handlungen. Dein Partner übt Druck auf dich aus und redet dir Schuldgefühle ein, damit du tust, was er von dir möchte.
    • Wenn dein Freund gewisse sexuelle Praktiken von dir verlangt, die du nicht tun möchtest oder die du nicht genießen kannst, handelt es sich ebenfalls um sexuellen Missbrauch. Selbst wenn du manche sexuellen Aktivitäten mit deinem Freund genießt, sollte er dich nicht unter Druck setzen oder dazu zwingen, andere Praktiken auszuprobieren, an denen du kein Interesse hast oder die dich ängstigen oder verstören. Es ist völlig in Ordnung, zu manchen sexuellen Aktivitäten “ja” und zu anderen “nein” zu sagen.
    • Es handelt sich ebenfalls um Missbrauch, wenn dich dein Freund zum Sexting oder zum Senden von Nacktfotos zwingt. Außerdem solltest du dir darüber im Klaren sein, dass Sexting oder Nacktfotos rein rechtlich als Formen von Kinderpornografie angesehen werden könnten, wenn du noch minderjährig bist (in den meisten Ländern unter 18 Jahren).
  3. Denke darüber nach, ob deine gesundheitlichen Entscheidungen respektiert werden. Du hast das Recht, freie Entscheidungen zu treffen, was deine allgemeine und sexuelle Gesundheit betrifft. Dazu gehört auch, welche Art von Empfängnisverhütungsmittel und welchen Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten du verwenden möchtest.
    • Dein Partner sollte deine Entscheidungen respektieren. Wenn du beispielsweise darauf bestehst, Kondome zu verwenden oder andere sichere Sexualpraktiken zu praktizieren (was du tun solltest), sollte dein Freund nicht versuchen, dir Schuldgefühle einzureden oder dich durch emotionale Erpressung umzustimmen.
    • Dein Freund sollte außerdem nicht versuchen, ohne Empfängnisverhütungsmittel/Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten Sex mit dir zu haben. „Ich habe vergessen, ein Kondom zu tragen“ ist keine Ausrede.

Teil 3 von 4: Körperlichen Missbrauch erkennen

  1. Verstehe, dass körperlicher Missbrauch nicht sofort passieren muss. Missbräuchliche Beziehungen sind oft nicht von Beginn an von körperlicher Gewalt geprägt. Tatsächlich erscheinen missbräuchliche Beziehungen am Anfang oft als „zu schön, um wahr zu sein“. Dein Freund scheint dein “Traummann” oder dein “Seelenverwandter” zu sein. Allerdings verschlimmern sich alle Arten von Missbrauch im Laufe der Beziehung. Wenn dein Partner bereit ist, sich auf einer Ebene missbräuchlich zu verhalten, wird er auch nicht davor zurückschrecken, andere Arten von Missbrauch anzuwenden.
    • Körperliche Gewalt könnte auch einem zyklischen Muster folgen. Für gewöhnlich gibt es Ruheperioden, in denen die missbräuchliche Person nett zu dir ist oder dich sogar auf Händen trägt und keine Mühen scheut, um dich zu verwöhnen. Allerdings werden die Spannungen bald wieder eskalieren und es wird zu einem missbräuchlichen, gewalttätigen Vorfall kommen. Nachdem der Missbraucher handgreiflich geworden ist, wird er sich vermutlich entschuldigen, beteuern, dass er sich aufgrund seiner Tat richtig schlecht fühlt und versprechen, dass er sich ändern wird. Allerdings wird dieser Zyklus körperlicher Gewalt dadurch nur wieder von vorne beginnen.
  2. Mache dir bewusst, dass auch nur ein Ausrutscher bereits zu viel ist. Keine Form oder Ausprägung von Gewalt ist in Ordnung. Vielleicht versucht dein missbräuchlicher Freund, sein Verhalten zu entschuldigen oder runterzuspielen, indem er sagt: „Ich war einfach wütend“ oder indem er die Handgreiflichkeiten durch Drogen- oder Alkoholkonsum erklärt. Allerdings nutzen Menschen in gesunden Beziehungen niemals Gewalt, um ihre Gefühle auszudrücken. Wenn dein Freund in eurer Beziehung gewalttätig wird, braucht er dringend psychologische Betreuung oder eine Therapie.
    • Ein Mensch “wird nicht einfach so” gewalttätig, wenn er Alkohol trinkt. Wenn dein Freund sein missbräuchliches Verhalten auf den Alkohol schiebt, sucht er nur nach einer Ausrede, um selbst keine Verantwortung für seine Taten übernehmen zu müssen.
    • Die Bereitschaft, körperliche Gewalt als Ausdruck für Gefühle zu anzuwenden, ist ein klares Signal dafür, dass die Gewalt im Laufe eurer Beziehung eskalieren könnte. Wenn dein Freund in irgendeiner Situation handgreiflich wird und dir körperliche Gewalt zufügt, solltest du die Beziehung am besten verlassen.
  3. Denke darüber nach, ob du dich in seiner Gegenwart sicher fühlst. Auch Menschen in gesunden Beziehungen sind hin und wieder wütend aufeinander – das ist eine völlig natürliche, menschliche Verhaltensweise. Allerdings werden Menschen, die sich gegenseitig respektieren, niemals auf Gewalt oder Gewaltandrohungen zurückgreifen - nicht einmal, wenn sie extrem wütend sind. Wenn du dich in Gegenwart deines Freundes nicht sicher fühlst, ist das ein klares Warnsignal dafür, dass er sich missbräuchlich verhält.
    • Transsexuelle Menschen und Menschen in nicht-heterosexuellen Beziehungen könnten außerdem die Drohung erleben, dass ihr missbräuchlicher Partner sie vor Freunden, Familienmitgliedern, ihrer Schule und Uni oder vor der Öffentlichkeit “outen” wird, wenn sie sich nicht fügen. Auch das ist missbräuchliches Verhalten.
    • Manche missbräuchlichen Menschen drohen damit, sich selbst zu verletzen, wenn du dich nicht beugst und ihre Wünsche erfüllst. Auch das ist eine Form von Missbrauch.
  4. Erkenne andere Formen von körperlichem Missbrauch. Wenn dich dein Freund tritt, würgt, schlägt oder ohrfeigt, handelt es sich offensichtlich um körperliche Gewalt. Allerdings gibt es noch diverse andere Arten von physischer Gewalt, die dir vielleicht nicht vertraut sind. Dazu gehören:
    • Dein Freund zerstört deine Besitztümer, z.B. wenn er dein Handy kaputtmacht oder dein Auto mit einem Schlüssel zerkratzt.
    • Er verweigert dir physische Bedürfnisse, wie z.B. Essen und Schlaf.
    • Er hält dich ohne deine Einwilligung körperlich fest.
    • Er hindert dich daran, dein Haus oder Auto zu verlassen, ins Krankenhaus zu gehen oder den Notruf zu rufen.
    • Er bedroht dich mit einer Waffe.
    • Er wirft dich aus dem Haus oder dem Auto.
    • Er lässt dich an seltsamen, unheimlichen oder gefährlichen Orten zurück.
    • Er missbraucht andere, z.B. deine Kinder oder Haustiere.
    • Er zeigt eine extrem gefährliche Fahrweise, während du im Auto bist.

Teil 4 von 4: Auf Missbrauch richtig reagieren

  1. Mache dir bewusst, dass Missbrauch niemals deine Schuld ist. Ein weitverbreiteter Irrtum über Missbrauch ist, dass das Opfer es irgendwie “verdient” hätte. Als Chris Brown Rihanna verprügelt hat, waren viele Menschen sofort davon überzeugt, dass Rihanna etwas falsch gemacht haben muss und die Gewalt daher “verdient” hat. Das ist absolut nicht richtig. Es macht keinen Unterschied, was du getan oder nicht getan hast; niemand hat das Recht, dich zu missbrauchen, niemand verdient es, missbraucht zu werden und jene Person, die den Missbrauch begangen hat, ist immer einzig und allein selbst dafür verantwortlich.
    • Das gilt für alle Arten von Missbrauch, nicht nur für körperliche Gewalt. Jeder Mensch hat es verdient, mit Würde, Respekt und Freundlichkeit behandelt zu werden.
  2. Kontaktiere eine Hotline für Opfer häuslicher Gewalt. Bei diesen Hotlines findet jede Person Hilfe, die das Gefühl hat, in ihrer Beziehung Missbrauch zu erleben. Die Mitarbeiter dieser Hotlines sind speziell geschult, um in diesen kritischen Situationen Hilfe und Unterstützung anbieten zu können. Sie werden dir zuhören und gemeinsam mit dir versuchen, funktionierende Lösungen und Vorgehensweisen für deine Situation zu identifizieren.
    • In Deutschland kannst du das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Nummer 08000-116-016 anrufen. In Österreich erreichst du die „Frauenhelpline gegen Gewalt“ unter der Nummer 0800-222-555. Beide Hotlines sind rund um die Uhr erreichbar und bieten auch Hilfe für hörgeschädigte Menschen und Menschen aus der LGBT-Gemeinschaft an.
  3. Sprich mit jemandem, dem du vertraust. Wenn du die Befürchtung hast, dass dein Freund missbräuchliches Verhalten zeigt, solltest du mit einer Person darüber sprechen, der du vertraust. Bei dieser Vertrauensperson könnte es sich um ein Elternteil, einen Psychologen, eine Lehrperson oder um eine Person aus deiner Glaubensgemeinschaft handeln. Am wichtigsten ist, dass du eine Person findest, die dir aufmerksam zuhört, dich nicht verurteilt und die dir ihre Unterstützung anbietet.
    • Es kann gefährlich sein, eine missbräuchliche Beziehung zu verlassen. Daher ist es besonders wichtig, dass du mit anderen Menschen sprichst, die dir helfen und dich unterstützen können, damit du nicht völlig alleine mit dieser schwierigen Situation fertigwerden musst.
    • Denke immer daran, dass eine Bitte um Hilfe niemals ein Zeichen für Schwäche oder Versagen ist. Ganz im Gegenteil, es ist ein Zeichen dafür, dass du stark genug bist, um für deine körperliche und emotionale Gesundheit zu kämpfen.
  4. Finde einen sicheren Zufluchtsort. Wenn du das Gefühl hast, durch deinen Freund in unmittelbarer Gefahr zu sein, solltest du so schnell wie möglich flüchten. Rufe einen vertrauenswürdigen Freund oder ein Familienmitglied an und frage, ob du bei dieser Person bleiben kannst. Alternativ kannst du auch eine örtliche Hilfsorganisation für Opfer häuslicher Gewalt anrufen und um die Adressen von Frauenhäusern in deiner Nähe bitten. Falls nötig, solltest du auch die Polizei rufen. Bleibe niemals in einer Umgebung, in der du weiterhin Gewalt und Missbrauch ausgesetzt bist.
    • Falls du körperlich oder sexuell missbraucht wurdest, solltest du sofort die Polizei anrufen und medizinische Hilfe suchen.
  5. Baue dir ein funktionierendes Support-Netzwerk auf. Es kann extrem schmerzhaft und schwierig sein, eine missbräuchliche Beziehung zu verarbeiten. Für gewöhnlich isolieren missbräuchliche Menschen ihre Opfer von Freunden und Familienmitgliedern. Vielleicht hat dein missbräuchlicher Exfreund es geschafft, dass du dich auch nach der Trennung noch verängstigt, einsam oder wertlos fühlst. Wenn du dir dein Unterstützungsnetzwerk wieder aufbaust, wird es dir leichter fallen, dich von deinem Missbraucher zu lösen. Außerdem wirst du wieder lernen, dass du eine unglaubliche Person bist, die Respekt und Zuneigung verdient hat.
    • Engagiere dich in außerschulischen Aktivitäten und Vereinen in deiner Schule oder an deiner Uni.
    • Engagiere dich in deiner Gemeinde oder an deiner Uni und kläre andere über die Gefahren und Anzeichen von Missbrauch und häuslicher Gewalt auf. An vielen Schulen, Unis und anderen Orten gibt es spezielle Programme, die über Missbrauch in Beziehungen aufklären. Falls es in deiner Umgebung noch keine Programme dieser Art gibt, könntest du selbst aktiv werden und eine Organisation gründen!
  6. Würdige dich selbst. Vielleicht warst du so lange dem Missbrauch deines Partners ausgesetzt, dass dein Gehirn missbräuchliche Handlungen mittlerweile als “natürlich” oder “wahr” empfindet. Denke immer daran, dass die missbräuchlichen Dinge, die dein Ex zu dir gesagt hat, absolut nicht der Wahrheit entsprechen. Wenn du dich dabei ertappst, negativ über dich selbst zu denken, solltest du einen Moment innehalten und diese Gedanken infrage stellen. Du kannst stattdessen bewusst etwas Positives über dich sagen, versuchen, den logischen Fehler in deinem Denkprozess zu finden oder den negativen Gedanken so umzuformulieren, dass er hilfreich wird.
    • Vielleicht ertappst du dich oft dabei, negativ über dich selbst oder dein Aussehen zu denken. Das ist besonders wahrscheinlich, wenn dein Missbraucher immer sehr kritisch war. Anstatt weiterhin diesen negativen Gedanken nachzuhängen, solltest du dich darauf konzentrieren, Dinge an dir selbst zu finden, die du liebst und bewunderst. Möglicherweise fühlen sich diese Gedanken zu Beginn heuchlerisch oder falsch an, weil du diese Denkprozesse noch nicht gewöhnt bist. Wenn du dich aber konsequent für eine positive Denkweise entscheidest, wirst du das Trauma des Missbrauchs schneller überwinden können.
    • Wenn du dich dabei ertappst, generalisierende Aussagen über dich selbst zu denken, wie z.B. „Ich bin so ein nutzloser Versager“, solltest du die Logik hinter diesen Gedanken kritisch hinterfragen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es keine gibt. Konzentriere dich stattdessen auf konkrete Verhaltensweisen und falls es wirklich ein Problem gibt, solltest du darauf achten, auf eine hilfreiche Art und Weise damit umzugehen. Du könntest z.B. sagen: „Ich habe heute viel zu viel Zeit vor dem Fernseher verbracht und deshalb meine anderen Aufgaben nicht erledigt. Morgen werde ich mich zuerst darauf konzentrieren, alle meine Pflichten zu erledigen und danach kann ich mich selbst belohnen, ohne mich schuldig fühlen zu müssen“.
    • Erkenne auch die kleinsten Fortschritte und Leistungen. Viele Menschen, die Missbrauch erlebt haben, entwickeln das Gefühl, als Mensch wertlos zu sein. Nimm dir etwas Zeit um deine Leistungen zu erkennen und dich über sie zu freuen - sogar über die ganz kleinen Dinge.

Tipps

  • Hab keine Angst davor, um Hilfe zu bitten. Niemand sollte diese schwierige Situation alleine durchstehen müssen.
  • Wenn dich eine andere Person verurteilt, nachdem du ihr von deinen Missbrauchserfahrungen erzählt hast, darfst du solche Aussagen niemals als wahr und gerechtfertigt akzeptieren. Manchmal können andere Menschen einfach nicht glauben, dass “wirklich” Missbrauch stattgefunden hat. Allerdings zählt in dieser Situation lediglich, wie du fühlst und nicht, was andere sagen. Wenn du von einer Person nicht die uneingeschränkte, vorurteilsfreie Unterstützung erhältst, die du dir wünschst, solltest du keine Scheu haben, mit einer anderen Person über deine Situation zu sprechen.
  • Glücklicherweise gibt es heutzutage unzählige Ressourcen, die Missbrauchsopfer in Anspruch nehmen können. Recherchiere im Internet oder stöbere im Telefonbuch, um Selbsthilfegruppen, Kliniken für psychische Gesundheit, Hilfsorganisationen für Gewaltopfer und andere Ressourcen in deiner Nähe zu finden.

Warnungen

  • Gehe nicht davon aus, dass dein Exfreund seine Versprechen, sich zu ändern, in die Tat umsetzen wird. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass der Missbrauch aufhören wird – es sei denn, die missbräuchliche Person begibt sich in Therapie und hat wirklich den inneren Wunsch, sich zu ändern.
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