Eine Kunstausstellung rezensieren

Jetzt bist du also Journalist und noch ganz neu in der Kunstszene. Die Künstler und Kuratoren tun vielleicht ganz exklusiv, aber in Wahrheit sind sie alle nur auf der Suche nach Anerkennung. Jeder, der mit Kunst zu tun hat, weiß, wie schnell Trends kommen und gehen, und wie sehr das Renommee eines Künstlers mitunter mit einer einzelnen, einflussreichen Rezension steht und fällt. Hier ein paar Hinweise, wie du ein erkenntnisreiches, objektives Stück Kunstjournalismus verfassen kannst:

Vorgehensweise

  1. Reflektiere die Bedeutung und den Sinn der Ausstellung und ihrer Exponate. Stell dir die folgenden Fragen:
    • „Warum wurden die Exponate auf diese Weise zusammengetragen und präsentiert?“
    • „Sticht eines der Exponate aus dem Rest hervor?“
    • „Verfolgt die Ausstellung ein Thema oder unterliegt ihr ein Subtext?“
    • „Worin unterscheidet sich diese Ausstellung von anderen, die ich schon kenne?“
  2. Mach dir Notizen zu den Objekten, Personen und Aspekten, die dein Interesse wecken. Je mehr sich ein Kunstwerk, Künstler oder Konzept deinem Empfinden nach hervortut desto detaillierter solltest du dir Notizen dazu machen. Denn hieran offenbart sich oft eine persönliche, fruchtbare Beziehung zwischen dir und deinem Gegenstand.
  3. Interviewe andere Ausstellungsgäste darüber, wie sie die Ausstellung erleben. Handelt es sich um einen Kollegen, dann stell zunächst allgemeinere Fragen und arbeite dich zu immer direkteren Fragen voran, die sich spezifisch auf konkrete Ausstellungsstücke beziehen.
    • Eine allgemeinere Frage wäre beispielsweise: „Wie oft nehmen Sie an solchen Ausstellungen teil?“ Eine spezifischere Frage wäre: „Welchen Aspekt dieser Ausstellung halten Sie für den gelungensten und warum?“
    • Lass deinen Kollegen nicht vom Haken und kläre, wie er welche Begrifflichkeiten gebraucht. Versuche, den Entstehungsprozess hinter seinen Ansichten nachzuvollziehen. Das wird dir in Zukunft bei der Gestaltung deines eigenen Live-Marketings nützlich sein.
    • Frage den Kollegen, wie er von der Ausstellung erfahren hat. Frag ihn auch nach seiner Meinung zur Erhebung von Gebühren und Konzessionen.
  4. Sammle Informationen zum Ausstellungsort. Oft zeigen Kunstausstellungen oder Museen nur eine bestimmte Art von Arbeiten, um sich so ein Alleinstellungsmerkmal oder einen speziellen Ruf zu verleihen. Nimm ggf. Broschüren mit, schau dir die Internet-Seite des Ausstellungsorts an und frag vor Ort nach einer Pressemappe, sofern verfügbar.
    • Eher konzeptorientierte Ausstellungsorte richten ihre Ausstellungen nach wichtigen Menschheitsfragen oder Themen der Zeit aus.
    • Andere Ausstellungsorte spezialisieren sich auf ein einzelnes Medium und orientieren sich eher an handwerklichen Aspekten ihrer Exponate.
    • Wie alt ist der Ausstellungsort? Was ist seine Geschichte? Seit wann fungiert er als Ausstellungsort? Woraus finanziert er sich?
  5. Überlege dir, warum welche Arbeiten deine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben und was sie auszeichnet.
  6. Achte darauf, dass deine Ansichten fundiert sind. Es steht dir frei, deine eigene Meinung zu haben, doch solltest du sie mit konkreten Fakten untermauern können.
    • Falls dir eine Arbeit nicht gefällt, dann mach das an konkreten Eigenschaften der Arbeit fest, um deine Ansichten zu erläutern. Kontrastiere das mit Gegenbeispielen, die deiner Ansicht nach gelungener sind.
    • Stelle deine Ansichten zu den Ausstellungsstücken der Lehrmeinung, dem jeweiligen geschichtlichen Kontext und den Intentionen des Künstlers gegenüber. Was soll das Kunstwerk vermitteln und was vermittelt es (dir heute) tatsächlich?

Tipps

  • Habe stets etwas zum Notieren und zum Aufnehmen von Gesprächen parat.
  • Sachte mit den Superlativen. Gebrauchst du Begriffe wie „atemberaubend“, „genial“ oder auch „makellos“ inflationär, dann wird deine Kritik schnell anspruchslos und naiv erscheinen. Umgekehrt wirkt jemand, der immerzu mit Worten wie „stümperhaft“, „langweilig“ oder „kitschig“ um sich wirft, schnell wie ein verbitterter Besserwisser, und er macht sich keine Freunde.
  • Bleib aufgeschlossen. Geh nicht zu einer Ausstellung mit der vorgefassten Absicht, sie zu verreißen. Verschließe dich nicht gegenüber Ungewohntem oder Herausforderndem.
  • Mach deine Hausaufgaben. In Fachkreisen kannst du ganz schnell unten durch sein, falls dir grundlegende Kenntnisse zur Kunstgeschichte und zur aktuellen Kunstszene fehlen sollten.
  • Halte dich über aktuelle Trends und Diskussionen in der Kunstszene auf dem Laufenden. Abonniere Zeitungen und Magazine, lies Blogs und Tweets zu Neuigkeiten rund um das Themengebiet.
  • Sei gegenüber deinen Gesprächspartnern höflich und respektvoll.
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