Sich in Kunstkritik üben

Bei Kunstkritik handelt es sich im Wesentlichen um die persönliche Beurteilung eines Kunstwerks. Zwar lässt sich freilich auch über Kunstgeschmack streiten, es gibt jedoch auch Aspekte, die sich etwa hinsichtlich der intendierten und der erzielten Wirkung eines Kunstwerks auswerten und ermessen lassen. Nicht wenigen gilt Kunstkritik mithin als eine Kunst für sich. Und auch wenn jeder Kunstkritiker seine eigene Herangehensweise hat, so gibt es doch einen Leitfaden, der von den Vertretern dieser Disziplin hochgehalten wird. Um dich in Kunstkritik zu üben, brauchst du keine Professur in Kunstgeschichte und keine eigene Kunstgalerie zu haben. Wenn du dich aber an jenen Leitfaden hältst, dann wird dir das helfen, dir als Kunstkritiker Gehör zu verschaffen.

Methode 1 von 2: Ausführliche Kritik

  1. Beschreibe, was du siehst. Hierbei handelt es sich um den objektiven Teil der Kunstkritik. Es geht hier alleine darum, was objektiv und allgemein nachvollziehbar erkennbar ist. Das umfasst Dinge wie:
    • die Signatur
    • den Titel des Kunstwerks
    • das Medium des Kunstwerks (Gemälde? Skulptur? Video-Installation?)
    • das Sujet des Kunstwerks (das Setting)
    • einzelne dargestellte Objekte
    • die unmittelbare Wirkung (Charakteristisches, das auch dem unbedarften Betrachter auffallen dürfte)
    • ggf. eingesetzte Farbtöne
    • Formen, Linien und Texturen
    • die Beleuchtungssituation
    • die sensorischen Qualitäten (scharf, schmeichelnd, schroff, grell, gedämpft usw.)
    • ggf. verwendete Symbole und Zitate (religiöse, politische usw.)
  2. Analysiere, was du siehst. Verbinde die rein technische Beschreibung der eingesetzten Mittel mit ihrer jeweiligen und ihrer kombinierten, vordergründigen Wirkung und Aussage. Zu diesen vordergründigen Wirkungen und Aussagen können zählen:
    • Freude oder Trauer
    • Lob oder Tadel
    • Witz und Ironie
    • Hommage oder Persiflage
    • Emotionalität oder Nüchternheit
    • Naivität oder Abgeklärtheit
  3. Interpretiere das Kunstwerk. Das ist der subjektivste Anteil einer Kunstkritik. Es geht darum, der aus der Analyse der eingesetzten Mittel ermittelten mutmaßlichen Intention des Künstlers die tatsächlich bei dir als Betrachter erzielte Wirkung und Ausdeutung gegenüberzustellen. Versuche, bei der Formulierung deiner Deutung folgende Punkte umzusetzen:
    • Kommuniziere die mutmaßliche Intention des Künstlers. Die berühmte Frage: „Was will uns der Künstler damit sagen?“
    • Lege die Wirkung des Kunstwerks auf dich als Betrachter dar. Warum wirkt es so und nicht anders auf dich? Was verbindest du womit und vor welchem (z.B. weltanschaulichen, biografischen oder politischen) Hintergrund?
    • Beleuchte auch die mutmaßlichen Beweggründe des Künstlers – seinen geschichtlichen, gesellschaftlichen usw. Kontext. Worin irrt er? Worin liegt er genau richtig? Was ist verzeihlich, was vielleicht sogar total daneben? Wie kommst du zu der Ansicht?
    • Wie gültig sind die ggf. eingesetzten Symbole heute? Sind sie weiterhin verständlich oder nur unter Berücksichtigung des Kontexts des Kunstwerks?
  4. Bewerte das Kunstwerk. Hierbei handelt es sich sozusagen um das Fazit deiner Kunstkritik. Ermittle angesichts der Gegenüberstellung der eingesetzten Mittel, ihrer erwünschten und ihrer erzielten Wirkung die Relevanz und Aussagekraft, die du dem betreffenden Kunstwerk beimessen kannst.
    • Worin liegt die Funktion des Kunstwerks? Beispielsweise könnte es nostalgische Gefühlsregungen bedienen, zum Zorn anstacheln oder – ganz klassisch – der Erbauung am „Wahren, Schönen, Guten“ dienen. Erläutere, wieso du ihm diese Funktion zusprichst.
    • Lege dar, wie sich das Kunstwerk in den gegenwärtigen Kunstbetrieb und die Gesellschaft im Ganzen eingliedern lässt. Wie einzigartig (oder ersetzbar) ist es in seinen Eigenschaften? Liegt es genau am Puls der Zeit und/oder der Herzen oder ist es zu einem Außenseiterdasein verdammt?
    • Erläutere also, in wiefern es sich deiner Ansicht nach um ein Kunstwerk von Wert oder eher um ein zweifelhaftes „Machwerk“ handelt.

Methode 2 von 2: Kurzkritik

  1. Benenne den geschichtlichen und biografischen Kontext des Künstlers bei der Schaffung des Kunstwerks. Falls darüber nur Unzureichendes bekannt ist, kann auch die Nennung des Fundorts und -datums sinnvoll sein.
  2. Unter welchen Einflüssen stand der Künstler?
  3. Wie schlugen sich Kontext und Einflüsse im Kunstwerk nieder?
  4. Achte darauf, diese Einzelheiten deinem Publikum in einer möglichst leicht nachvollziehbaren, übersichtlichen Reihenfolge zu präsentieren.
  5. Erkläre gegebenenfalls, wie die einzelnen Gestaltungselemente in einander greifen, welche Atmosphäre und welche Symbolkraft damit erzeugt wird.
  6. Destilliere so die aus deiner Sicht größtmöglich erfahrbare Wirkung und Aussage des Kunstwerks heraus und gieße sie in eine Zusammenfassung.
  7. Resümiere:
    • Wie hätte sich die intendierte Wirkung eher erzielen lassen? Oder welche Wirkung wäre stattdessen wünschenswert gewesen? (Warum?)
    • In wiefern ist das dem Künstler anzulasten oder zugutezuhalten? (Warum) konnte/wollte er oder sie nicht anders?
    • Wie einzigartig (oder ersetzbar) ist das Kunstwerk in seinen Eigenschaften?
    • Welches Gewicht, welchen Mehrwert hat dieses Kunstwerk für dein Leben?

Tipps

  • Denke daran, dass es keine „richtige“ oder „falsche“ Interpretation eines Kunstwerks gibt. Dein Ziel ist nicht, zu beweisen, dass das Kunstwerk „gut“ ist oder „schlecht“, sondern anderen Menschen möglichst nachvollziehbar zu vermitteln, wie es aufgrund deiner detaillierten Betrachtung des Kunstwerks auf dich wirkt.
  • Achte darauf, in deiner Kunstkritik das allgemein gängige Vokabular des Kunstbetriebs zu verwenden.
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